Junge Forscher schlagen Alarm (NZZ, 8.10.2021)

Befristete Jobs, meist nur Teilzeit und mit schlechter Entlöhnung – verzweifelte Wissenschafter wenden sich an das Parlament

Oliver Camenzind

Ihre Löhne sind schlecht, ihre Zukunftsaussichten ebenfalls. Die wenigsten von ihnen haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag, Überstunden leisten aber die meisten. An Schweizer Universitäten arbeiten derzeit 25 000 wissenschaftliche Angestellte und Dozierende. Nimmt man die Fachhochschulen und die Pädagogischen Hochschulen dazu, sind es gar über 40 000. Zusammen bilden sie den sogenannten akademischen Mittelbau. Und jetzt haben sie genug.

Diesen Freitag reicht ein Komitee von Wissenschaftern in Bern eine Petition ein, um auf die Situation junger Forscherinnen und Forscher aufmerksam zu machen. Die Petition Academia fordert von National- und Ständerat Massnahmen, damit künftig mehr feste Stellen für Akademiker geschaffen werden. Unterzeichnet haben über 8500 Personen.

Wachsende Arbeitslast an Unis

Was diese 8500 Personen eint, ist ihre Unzufriedenheit. Sie sie sind unzufrieden damit, wie an Unis gearbeitet wird. Sie sorgen sich um die Forschung. Die Universitäten seien erheblich gewachsen, sagt eine Sprecherin des Petitionskomitees, die Anforderungen an die Hochschulen seien gestiegen. Doch die Strukturen seien seit den fünfziger Jahren gleich geblieben. Und der Mittelbau bezahle dafür.

Ihren Namen möchte die Sprecherin nicht in der Zeitung lesen. Auch die restlichen Mitglieder des Komitees bleiben lieber anonym. Sie fürchten, dass öffentlich geäusserte Kritik negative Folgen für ihre Karriere haben könnte.

Allein seit 2015 hat die Zahl der Studierenden an Schweizer Hochschulen gemäss Bundesamt für Statistik um knapp 13 Prozent zugenommen. Immer mehr Studierende an den Hochschulen bedeuten, dass es immer mehr Kurse braucht. Zudem sei auch der Verwaltungsaufwand erheblich gestiegen, sagt die Mitverfasserin der Petition. Und um diesen Aufwand zu bewältigen, seien seit den neunziger Jahren primär befristete Stellen geschaffen worden.

Befristete Stellen, und erst noch zu wenige. Der Mittelbau ist seit 2015 nämlich nur um 9,5 Prozent gewachsen. Der Teil der Unis, der Kurse unterrichtet, Seminararbeiten betreut und Prüfungen abnimmt; er hinkt dem Wachstum der Hochschulen hinterher. Die Arbeitslast wird grösser und grösser.

Darum brauche es mehr Festanstellungen für Personen, die nach dem Doktorat an einer Hochschule angestellt würden, findet die Sprecherin des Petitionskomitees. Das würde die Arbeitslast angemessener verteilen.

Im Zentrum der Klagen stehen die befristeten Arbeitsverträge. 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals der Schweiz stünden in einem befristeten Arbeitsverhältnis, heisst es in der Petition. Das bedeutet, dass sich Doktorierende, Assistenten und Oberassistenten alle paar Jahre wieder auf eine neue, meistens wiederum befristete Stelle bewerben müssen. Eine weitsichtige Lebens- oder Familienplanung ist unter diesen Umständen kaum möglich.

Die unsicheren Verhältnisse des Mittelbaus schaden aber auch der Forschungsarbeit selbst. Franziska Gygax, emeritierte Professorin für amerikanische Literaturwissenschaft in Basel, sagt: «Auch grösseren Forschungsgruppen ist es nicht förderlich, wenn befristet angestellte Forschende ihre Stelle nach wenigen Jahren verlassen.» Sonst müssten sich immer wieder neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einarbeiten, und das koste viele Ressourcen.

Zu den befristeten Arbeitsverträgen kommt noch eine zweite Schwierigkeit. Die meisten Mittelbauangehörigen sind nämlich nicht nur befristet, sondern auch Teilzeit angestellt. Weniger als die Hälfte der Angehörigen des Mittelbaus ist gemäss dem Bundesamt für Statistik zu mehr als 90 Prozent beschäftigt. Ein Fünftel hat ein tieferes Pensum als 50 Prozent. Arbeiten müssen diese Wissenschafter aber meistens mehr. Viel mehr.

Die Gewerkschaft des öffentlichen Personals VPOD hat unter Mittelbauangehörigen der Universität Zürich eine Umfrage durchgeführt. Mehr als 50 Prozent der 1600 Befragten gaben dabei an, pro Woche mehr als 10 Stunden Überzeit zu machen. So passiert es vielen Assistentinnen oder Doktoranden, dass sie für einen halben Lohn einen ganzen Job machen müssen.

Das ist nicht nur für die Betroffene ein Problem. Darunter leidet auch die Qualität der Forschung. Wer überarbeitet sei, mache seine Arbeit tendenziell schlechter, sagt die Sprecherin des Komitees. Franziska Gygax bestätigt das: Viele Doktorandinnen oder Postdocs gingen nebenbei oft einer zweiten Arbeit nach. «Das erschwert es den Angehörigen des Mittelbaus erheblich, sich auf die Forschung zu konzentrieren», sagt Gygax.

Dadurch nimmt die Qualität der Forschung ab. Insgesamt bezeichnet die OECD in einem Bericht von diesem Jahr die prekären Arbeitsverhältnisse des wissenschaftlichen Personals deshalb als «eines der ernsthaftesten Probleme» des akademischen Betriebs.

«Niemand fühlt sich zuständig»

Die Probleme lägen offen, und zwar nicht erst seit kurzem, sagt die Mitverfasserin der Petition. Doch getan hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht viel. Warum, weiss Fabien Fivaz. Der Neuenburger ist Politiker der Grünen und Vizepräsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Er sagt: «Bisher hat sich niemand für die Arbeitsbedingungen an Hochschulen zuständig gefühlt.»

Die Universitäten hätten bisher davon profitiert, wenn sich möglichst viele Kandidaten auf möglichst wenig Stellen bewarben. Denn so könnten sie die allerbesten auswählen. Die Kantone, denen die Universitäten gehören, täten sich oft schwer mit Regulatorien. Und der Schweizerische Nationalfonds? Der berufe sich auf den Standpunkt, Projekte zu fördern, nicht Personen.

Die Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen, Swissuniversities, verweist auf Anfrage der NZZ auf eine Stellungnahme vom März dieses Jahres. Dort heisst es, dass Swissuniversities die Anliegen der Petition verstehe. Es seien aber bereits «zahlreiche Massnahmen ergriffen» worden, die den Anliegen des Petitionskomitees Rechnung tragen würden. So sei die Zahl unbefristeter Stellen schon erhöht worden. Um wie viele, bleibt unklar.

Nötig wären Tausende.

Was Fabien Fivaz sich wünscht, ist ein echter Kulturwandel. Dass die Universitäten diesen selbst anstossen, darauf will er aber nicht vertrauen. Darum sieht er sich und die Politik in der Pflicht. Letztes Jahr hat er eine Interpellation im Rat eingereicht, um das Thema aufs Tapet zu bringen. Sie wurde bisher noch nicht besprochen.

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